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New Juni 2015

Karin Coper Berlin

  

Zusammenfassung

 

Die Bedeutung der „schönen Künste“ in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen – ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Berliner Perspektive


     

Kann die Teilhabe an Kunst und Kultur einen positiven Einfluss auf psychisch Erkrankte haben und wenn ja, in welcher Form? Drei Beispiele sollen eine Antwort geben:

 

Beispiel I, die Experten: Peter Lunds Musical „Stimmen im Kopf“ über die Verhältnisse auf einer psychiatrischen Station, das im März 2012 an der Berliner Neuköllner Oper Premiere hatte, entstand auf der Basis von Gesprächen zwischen psychisch Erkrankten und Darstellern. Die Reaktion der meisten Betroffenen war überaus beifällig. Sie erkannten sich auf der Bühne wieder, fühlten sich ernstgenommen und aufgewertet, weil sich ein Musiktheaterwerk mit ihren Problemen beschäftigte.

 

Beispiel II, die Laien: Beim Chorprojekt „Crowd Out“, das 2014 im Rahmen des Education-Programms der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Simon Halsey uraufgeführt wurde, wirkten 1000 Sänger mit. Unter ihnen waren rund 50 psychisch Erkrankte – sie erlebten Probenzeit und Konzert als beglückend und stabilisierend.

 

Beispiel III, die Profis: Das Theater RambaZamba arbeitet unter professionellen Bedingungen mit geistig, körperlich und/oder psychisch beeinträchtigten Schauspielern.

Sven Norman, einer der Akteure, meint zu: „Man kann der Welt zeigen, dass „behindert sein“ nicht heißt, dass man irgendwie weg ist. Es ist schön, dass Leute sagen können, aha, da spielt jemand in einem zweistündigen Stück mit.“

 

Alle Beteiligten, ob Laien oder Profis, erlebten durch die Beteiligung an künstlerischen Projekten Bestätigung und Anerkennung.

Mein Fazit: Kunst in jeglicher Form, aktiv mitgestaltet oder passiv genossen, kann zur Verbesserung der Lebensqualität psychisch Erkrankter entscheidend beitragen. Weil sie Kreativität fördern, ungeahnte Kräfte freisetzen, Hemmungen abbauen, Selbstbewusstsein stärken oder einfach nur Freude bringen kann.

 

Artikel

 

Die Bedeutung der „schönen Künste“ in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen – ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Berliner Perspektive

      

Das Leben mit einer psychischen Krankheit geht häufig einher mit einer Einengung des Alltags, einer reduzierten Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander und dem Gefühl des Ausgeschlossenseins. Zur Verbesserung des Befindens können positiv erlebte Aufgaben und Tätigkeiten, egal auf welchem Gebiet, beitragen und, genauso wie bei Gesunden, das Selbstbewusstsein stärken. Kann auch die Partizipation an Kunst und Kultur einen stabilisierenden Einfluss haben und wenn ja, in welcher Form? Das ist eine Frage, die mich seit einiger Zeit beschäftigt. In meinem Artikel möchte ich versuchen, sie anhand von drei Beispielen zu beantworten. Dabei beschränke ich mich auf Musik und Darstellung, auf bildnerisches Gestalten soll hier nicht eingegangen werden. 

 

Zu meinem Hintergrund: Ich betreue seit vielen Jahren als Sozialpädagogin psychisch Kranke sowohl im stationären wie im ambulanten Rahmen.

Bei ihrer Behandlung setze ich nicht nur auf klassische therapeutische Angebote, sondern gleichberechtigt auf die Aktivierung von Ressourcen: durch die Anregung wie Ermutigung, sich auf Unbekanntes einzulassen und das Vermitteln neuer Impulse bei der Lebensgestaltung. 

Da ich mich leidenschaftlich für kulturelles Geschehen in seiner ganzen Vielfalt interessiere und diese Begeisterung gerne weitergebe, ging ich mit Klienten eines Wohnprojekts in die Opern-, Schauspiel- und Musicalaufführungen. Nur wenige von ihnen waren jemals im Theater gewesen und dementsprechend skeptisch, ablehnend oder ängstlich. Es galt also zunächst, Vorurteile zu überwinden, zu motivieren und überhaupt Freude an Kultur zu vermitteln. Und tatsächlich: die meisten erlebten die Besuche als Bereicherung und Besonderheit in ihrem Alltag. Zudem gaben sie ihnen das Gefühl, nicht immer nur Außenseiter zu sein. Warum also nicht auf diesen Erfahrungen aufbauen und der Kunst als Stabilisierungsfaktor mehr Gewicht geben?  

 

Beispiel I: „Stimmen im Kopf“die Experten

 

Als Resultat entstand die Idee, mittels eines künstlerischen Mediums auf das Leben mit einem seelischen Leiden aufmerksam zu machen und dadurch auch die Welt der „Gesunden“ zu erreichen. Ich gewann den renommierten Autor, Regisseur und Professor der Berliner Universität der Künste Peter Lund dafür, ein Musical für seine Studenten über die Psychiatrie zu schreiben. 

Gemeinsam mit einem Krankenpfleger entwickelten wir ein Konzept: wir wollten einerseits Menschen mit einer psychischen Störung ein Gesicht geben und andererseits den Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station so authentisch und differenziert wie möglich auf die Bühne bringen. Verbunden damit war die Hoffnung, Stigmatisierungen entgegen zu wirken und Vorurteile abzubauen.

Als Einstieg organisierten wir für die Studenten Hospitationen in verschiedenen Einrichtungen, danach Treffen mit Betroffenen, die wir als neutrale Beobachter begleiteten. Trotz manch anfänglicher Scheu und Zweifel seitens der Erkrankten kamen Interviews zu Stande, in denen sie erstaunlich offen von ihren Biografien, den aktuellen Lebensumständen, von Sorgen und Ängsten, aber auch von Hoffnungen und Zukunftswünschen berichteten. 

Auf der Basis dieser Gespräche kreierte Peter Lund das Musical „Stimmen im Kopf“, das im März 2012 in der Neuköllner Oper uraufgeführt wurde. 

Der Entstehungsprozess, zu dem auch Probenbesuche und Diskussionen mit Interviewten, Darstellern und Klinikpersonal gehörten, war für sämtliche Mitwirkende spannend. Aber würden auch nichtbeteiligte Patienten das fertige Stück positiv aufnehmen? Ihre Reaktion war überwiegend zustimmend, weil die Handlung und die Personen die Wirklichkeit so genau widerspiegelten. Sie erkannten sich auf der Bühne wieder, fühlten sich ernstgenommen und aufgewertet, weil sich ein Musiktheaterwerk mit ihren Problemen beschäftigte

Eine Patientin war von dem Musical so angetan, dass sie selbstständig ein zweites Mal ging und den Antrieb bekam, sich auch andere Theaterstücke anzusehen. 

Eine 70- Jährige, die in den letzten Jahren keine längere Veranstaltung durchgehalten hatte, konnte sich problemlos während der dreistündigen Spieldauer konzentrieren, - genauso wie eine Gruppe chronisch Kranker aus dem Pro Seniore Heim in der Genthiner Straße. 

 „Stimmen im Kopf“ war ständig ausverkauft und ein enormer Erfolg beim Publikum, bei Betroffenen und Professionellen, aber auch bei Menschen nicht vom Fach. Die Aussage einer Psychiaterin veranschaulicht die Brücke, die dieses Musical bauen konnte: „Endlich konnte ich meiner Mutter mal zeigen, wo und wie ich arbeite.“

 

Beispiel II „Crowd Out“Die aktiven Laien:

 

Das Vorhaben klang schon auf dem Papier vielversprechend. Im Rahmen des Education-Programms der Berliner Philharmoniker war für Juni 2014 die Uraufführung von David Langs „Komposition für 1000 Stimmen“ angekündigt, geleitet von dem renommierten Chordirigenten Simon Halsey. Teilnehmen konnte jeder, ob jung oder alt, aus allen Nationalitäten und Gesellschaftsschichten, mit oder ohne musikalische Vorkenntnissen. „Crowd Out“ bot aus meiner Sicht eine wunderbare Möglichkeit, Inklusion auf natürlichste Weise zu praktizieren. Deshalb bemühte ich mich, Akut- und Ambulanzpatienten der Klinik sowie Mitarbeiter und Bewohner verschiedener sozialer Einrichtungen für eine Teilnahme zu gewinnen. Unerwartet viele sagten zu, waren offen einem künstlerischen Abenteuer gegenüber, ohne zu wissen, was auf sie zukam. Die sechswöchige Probenzeit war durchaus anspruchsvoll, zumal sich der Text für manche als problematisch erwies, benannte er doch sehr deutlich düstere Stimmungen und negative Gefühle, die viele so gut kannten. Zudem war unerwartet nicht nur musikalischer, sondern auch szenischer Einsatz gefordert. Ein absolutes Novum für die meisten, was auch zu Krisen, Motivationsschwankungen und Absagen vereinzelter Sänger führte. Letztendlich aber wirkten rund 50 psychisch Erkrankte bei der Choreinstudierung, den zeitlich intensiven Schlussproben und den beiden Aufführungen mit und trotzten zudem den ungünstigen Wetterbedingungen dieser Open Air-Veranstaltung. 

 

Einige Sängerinnen schildern die Bedeutung von Crowd-Out- für sie:

 

Fr. M.: „Ich fühlte mich wohl und es machte Spaß… Ich durfte, konnte meinen Gefühlen Raum geben – körperlich und seelisch. Und ich spürte, was alles so in mir vorhanden war an Emotionen. Das Event hinterlässt Spuren in mir- und wirkt noch nach.“     

 

Fr. K.: „Meine Stimme wurde immer kräftiger und lauter. Ich ging immer mehr aus mir heraus. Es war für mich befreiender, laut zu singen, und ich wurde selbstbewusster. Es hat mir neue Kraft gegeben.“

 

Fr. Z.:  „Crowd Out“ wurde in den zwei Monaten zu einem stabilen Gerüst in meinem Leben, gab mir Selbstvertrauen und das Gefühl, nützlich zu sein. Meine Depression war in dieser aktiven Zeit grundlegend gemildert.“  

 

Frau B: „Für mich waren die Identifikation mit dem Projekt, die Gruppendynamik, die  

Verantwortung und die sozialen Kontakte wichtig.“

 

Fr. R., Leiterin einer Wohneinrichtung des Neuköllner Unionhilfswerks:

Es war für mich erstaunlich zu erleben, wie positiv die Mehrzahl „meiner“ Sänger die Teilnahme an „Crowd Out“ bewertete und welch enormes Erfolgserlebnis es für sie bedeutete: das „Über-sich-hinaus-zu-wachsen“, das „Beachtet-zu-werden“, das „Mal- anders- wahrgenommen-zu-werden“ hatten einen enorm therapeutischen Effekt. Bis heute schwärmen sie davon, zumindest zeitweise Mitglied einer „normalen“ künstlerischen Gruppe gewesen zu sein und außerhalb ihres gewohnten geschützten Rahmens bestanden zu haben.

Sie sind enorm stolz auf sich, es geschafft zu haben, haben die Zeit sehr genossen und würden  gerne wieder bei einem Projekt mitmachen. 

 

Die Bewohner des Krankenheims, die schon beim Musical mitgewirkt hatten, schrieben als Resümee nur einen Satz: „Das Singen hat uns die Seele geöffnet. Mehr, finde ich“, so die begleitende und mitsingende Ärztin, „braucht nicht gesagt zu werden.“

 

Beispiel III „das Theater RambaZamba“,(www.theater-rambazamba.org): Die Profis:

 

Vom dritten Beispiel berichte ich nicht als Initiatorin, sondern als Zuschauerin und Fan des  Berliner Theaters RambaZamba. Dort kann man beglückende Bühnenkunst mit geistig, körperlich und/oder psychisch beeinträchtigten Schauspielern erleben, und das schon seit 1991, also lange bevor Inklusion in aller Munde war. Professionalität, das ist die Devise von der Mitgründerin, Leiterin und Regisseurin Gisela Höhne. Was bedeutet: ein „traditioneller“ Theaterbetrieb mit festen Probenzeiten und einem Kernensemble, das ein Repertoire mit hohem Anspruch bedient. Klassikerbearbeitungen, aktuell von Shakespeare und Sophokles, werden ebenso gekonnt umgesetzt wie das hinreißende Musical „Am liebsten zu dritt“ über ein Tabuthema: den Wunsch von Frauen mit Down-Syndrom nach Kindern.

Die musikalische Revue „Mit 200 Sachen ins Meer“ von Kay Langstengl und Enya Hutter spielt in einer Nervenklinik. Sie konfrontiert das Publikum mit der Frage, was denn „Anderssein“, was Normalität ist. All die wunderlichen Typen, die hier aufeinander treffen, haben Marotten und schlimme oder irritierende Erfahrungen gemacht, strahlen aber auch Stolz und Selbstachtung aus. Wie die mehr als ein Dutzend Darsteller diese Charaktere verkörpern und wie sie zärtliche Beziehungen sichtbar machen, ist ganz wunderbar anzusehen. Menschen mit Behinderungen spielen Außenseiter, die in ihren Patientenrollen zu Selbstbewusstsein und zum mutigen Ausbruch aus gewohnten Bahnen aufrufen.

So heißt es in einer Strophe des Songs „Dann wirst du wirklich verrückt“: 

 

           Wenn du nur gebückt auf deinen Bahnen schleichst

           Und nie was probierst und nie was erreichst,

           Wenn du niemals versagst, nur immer gut funktionierst

           Deiner Lust keinen Platz gibst, deine Wünsche verfrierst

           Bist du verrückt, dann bist du wirklich verrückt …

 

Diesen Rat haben die Profis vom RambaZamba ebenso beherzigt wie die Crowd Out- Laiensänger und die Interviewten von „Stimmen im Kopf“. 

Sven Norman, einer der RambaZamba-Hauptakteure, bringt es auf den Punkt: „Man kann der Welt zeigen, dass „behindert sein“ nicht heißt, dass man irgendwie weg ist. Es ist schön, dass Leute sagen können, aha, da spielt jemand in einem zweistündigen Stück mit.“

 

„Womit meine Ausgangsfrage positiv beantwortet ist: Ja, Kunst in allen Formen, aktiv mitgestaltet oder passiv genossen, kann zur Verbesserung der Lebensqualität entscheidend beitragen. Weil sie unter anderem Kreativität fördern, ungeahnte Kräfte freisetzen, Hemmungen abbauen, Anerkennung oder einfach nur Freude bringen kann.

Und deshalb möchte ich auf diesem Weg weitergehen.“

 

Karin Coper, Juni 2015

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